Neue Autorität – ein Allheilmittel?

Der Ansatz der Neuen Autorität erfreut sich im Moment in den Schulen grosser Beliebtheit. Oft weckt er die Erwartung, alle Herausforderungen des Schulalltags schnell und nachhaltig lindern zu können. Kann er diese Erwartungen auch erfüllen?
Karin Joachim

Die Lehrpersonen und die Schulleitungen sind müde. Sie haben den LP21 eingeführt, sie haben die COVID-Pandemie gemeistert, sie versuchen täglich, sich den wachsenden Anforderungen im Klassenzimmer und in der Schule zu stellen und darin zu bestehen.

Und das ist alles andere als einfach!

Und nun wird da ein Ansatz vorgestellt, der Linderung verspricht. Mit ein paar Interventionen, die an Stärke und Intensität zunehmen, sollen die Lehrpersonen und schulischen Mitarbeitenden in ihre Kraft kommen. Das klingt vielversprechend und macht Mut. Dass es dabei vor allem darum geht, zuerst einmal sich selbst zu reflektieren und zu regulieren, dass es in erster Linie um Persönlichkeitsentwicklung geht, blendet man dann in der ersten Begeisterung gerne aus.

Und genau darin liegt das Problem.

"Stärke statt Macht" für Individuen, aber auch für die Schule

Der Ansatz Stärke statt Macht bietet tatsächlich neue Denkansätze in der Beziehungs- und Erziehungsgestaltung zwischen Erwachsenen und Kindern. So gewinnen Erwachsene an Handlungsfähigkeit, indem sie ihr eigenes Handeln unabhängig von der Reaktion des kindlichen Gegenübers gestalten.

Das klingt paradox. Und noch paradoxer mag es wirken, dass ein Ansatz, der den Fokus zuerst auf die eigene Person richtet, für alle Mitglieder einer Schule als Gemeinschaft implementiert werden soll.

Und gleichzeitig sind die Grundgedanken daran so bestechend, dass es sich tatsächlich lohnt, zu überlegen, wie man als Gemeinschaft damit arbeitet:

  • Man kann das Gegenüber nicht kontrollieren, sondern nur sich selbst.
  • Deshalb reagiert man erst, wenn man selbst wieder in der vollen Kraft ist. Das heisst konkret: man äussert seinen Widerstand zwar, wartet aber mit Interventionen, bis man sich selbst reguliert hat.
  • Dies gelingt, wenn man Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen, durch die Schulleitung und durch die Eltern hat. Und wenn man sich Zeit lässt, um zu überlegen, worum es einem bei den Interven-tionen genau geht und wofür man dabei einsteht.
  • Unterstützend dabei ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und denjenigen der Schulgemeinschaft.

Und genau hier wird das Thema Persönlichkeit zum Thema der gesamten schulischen Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig stärkt, unterstützt und weiterentwickelt. Einer Schule, deren Mitglieder sich immer wieder mit sich und ihrem Tun auseinandersetzen.

Kleine und grosse Schritte auf dem Weg zur Neuen Autorität

Nun ist es bis zu einer solchen schulischen Gemeinschaft ein langer Weg. Ein Weg, auf dem sich die Lehrpersonen immer noch in herausfordernden Situationen befinden und teilweise auch erfahren müssen, dass nicht alles, was sie tun, unmittelbar Wirkung zeigt. Ein Weg, auf dem ihnen bisweilen nichts anderes bleibt, als auszuhalten, dass jetzt gerade nicht das passiert, was sie gerne hätten. Auch wenn sie versuchen, reflektiert und selbstreguliert zu handeln.

Gerade deshalb machen sich Schulen oft mit grosser Begeisterung auf den Weg mit der Neuen Autorität und erleben nach ein paar Monaten die erste Durststrecke. Das ist absolut normal, wenn man bedenkt, wie gross das Umdenken letztendlich ist. Denn Neue Autorität als Schulentwicklungsthema ist ein Change Projekt und Schulen, die damit arbeiten, gehen durch Höhen und Tiefen. Und wenn es ihnen gelingt, auch die kleinen Schritte zu sehen und zu würdigen, dann haben sie auch den langen Atem für die grossen Schritte, die darauf folgen – auch wenn es unter Umständen etwas länger dauert.

Ob die Schritte nun klein oder gross sind, gemeinsam geht es leichter. Wir begleiten Sie gerne auf diesem Weg, indem wir sowohl in den Höhen und Tiefen für Sie da sind und unsere Expertise dort einbringen, wo Sie sie brauchen. Sei dies bei der Weiterbildungsplanung, bei der Reflexion des be-ruflichen Alltags oder bei der Durchführung von Weiterbildungen.

Der Beitrag gibt die Sicht der Autorin bzw. des Autors wieder.
Karin Joachim ist Dozentin und Beraterin am Institut für Weiterbildung und Dienstleistungen der Pädagogischen Hochschule PHBern.

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