Effizient oder effektiv: Die Beurteilung mit und ohne Noten

Es gibt mehrere Wege zur Erlangung von Kompetenzen, wie dieses Beitragsbild verdeutlicht. Auf der einen Seite der Weg ohne Noten über einen Erlebnis-Lernpfad. Auf der anderen Seite der Weg mit Noten, ein Hochseilakt, der zuweilen zu rasanten Fahrten führt.
Regina Kuratle

Mit einer kompetenzorientierten Beurteilung nehmen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler den Lerngegenstand und den Weg hin zur Kompetenz in diesem Gegenstand gemeinsam in den Blick. Das kann die Beziehungen zwischen allen Beteiligten merklich verbessern – auch Eltern erfahren genauer, wie und was ihr Kind lernt.

Idealerweise unterstützt die Beurteilung als Teil des Unterrichts das Lernen der Schülerinnen und Schüler und animiert sie dazu, lernen zu wollen und für ihr Lernen ein Stück weit Eigenverantwortung zu übernehmen. Weil die formative Beurteilung mit der Lehrplaneinführung ein viel höheres Gewicht erhält, kann diesem Ziel bedeutend nähergekommen werden. Lehrpersonen fördern und unterstützen dabei die Schülerinnen und Schüler möglichst individuell durch wiederholte (auch kleine) Rückmeldungen im Prozessverlauf. Lernende erfahren dadurch laufend, was sie schon können und woran sie in welcher Art weiterarbeiten sollten. Diese Rückmeldungen erfolgen in Form von konkreten Aussagen darüber, welche Teilkompetenzen wie weit erreicht wurden und welche noch nicht. Die Wissenschaft, so z.B. die Metastudie von John Hattie (2017), zeigt schon lange, dass diese Art der Beurteilung eines der wirksamsten Elemente des Unterrichts überhaupt ist – und Lehrpersonen wollen ja in ihrem Unterricht etwas bewirken.

Was in der formativen Beurteilung gemacht wird, kann auch in der summativen, bilanzierenden Beurteilung realisiert werden. Die Schülerinnen und Schüler werden anhand von Aussagen, was sie können, beurteilt. Im Kanton Bern bieten die Rahmenbedingungen unterjährig dafür viel Handlungsspielraum. Lehrpersonen können Lernkontrollen und Produkte anhand von Kriterien bewerten, die sich auf Lernziele und Kompetenzbeschreibungen beziehen. Den Mehraufwand für die kompetenzorientierte Beurteilung dürfen sie damit kompensieren, dass sie weniger summative Leistungserhebungen durchführen.

"Zum wirksamen Unterricht tragen Noten nichts bei, denn sie haben eine andere Funktion."
Regina Kuratle, PHBern

Die Note ist ein stark verkürzter Bewertungs-Code ohne direkten Bezug zu aussagekräftigen Informationen darüber, was die Schülerinnen und Schüler können und wie sie weiterlernen sollen. Zum wirksamen Unterricht tragen Noten nichts bei, denn sie haben eine andere Funktion. Sie gehen auf eine rund 400-jährige Tradition zurück und sind gesellschaftlich-politisch tief verankert. Noten sind allen bestens vertraut und einfach verständlich. Die Vergabe von Noten ist effizient, da sie für Lehrpersonen leicht zu handhaben und mit einem vernünftigen Aufwand möglich ist. Im Unterschied zur Entwicklungsfunktion einer kompetenzorientierten Beurteilung nimmt das Codieren mit Noten eine Legitimationsfunktion wahr und spielt auch bei der Selektion eine gewisse Rolle. Die Schule legitimiert sich mit Kurzinformationen über Leistungen gegenüber gewissen Erwartungen der Gesellschaft.

Die Frage ist, welches Gewicht bei der Schülerinnen- und Schülerbeurteilung der Entwicklungs- und der Legitimationsfunktion beigemessen wird. Lange Zeit waren Noten dominant, doch mit Blick auf das Ziel, dass junge Menschen in der Schule möglichst viel lernen sollen, gewinnt die kompetenzorientierte Beurteilung zunehmend an Bedeutung. So zeigen die positiven Erfahrungen von Lehrpersonen, die innerhalb der Rahmenvorgaben kompetenzorientiert beurteilen und mit einer offenen Kommunikation das Vertrauen der Eltern gewonnen haben, dass ihr Unterricht durchaus leistungsorientiert ist. Das Beurteilungssystem mit Noten soll nicht dämonisiert werden, sondern Gegenstand von Verhandlungsprozessen sein innerhalb von Schulen sowie zwischen Lehrpersonen, Eltern, Politikerinnen und Politkern etc. Die Gesellschaft kann auch lernen; deren Mitglieder sind imstande, ihre Meinungen zu ändern.

Eine Meinung, die nicht geändert werden kann, ist keine Meinung, sondern ein Glaube – und kann als solcher nicht handlungsleitend sein für die öffentliche Schule. Dies bedingt von allen Beteiligten eine Diskussion ohne Polemisierung sowie Offenheit für Argumente und Erfahrungen. Die Entwicklung der Gesellschaft basiert auf Verständigung und daraus resultierenden tragfähigen Kompromissen – auch in der Art, wie in Schulen beurteilt wird. Dass dabei alle, insbesondere die Lehrpersonen, mit Ambivalenzen umgehen können müssen, sei mit einer Aussage von Jürgen Oelkers verdeutlicht: «Eine gute Beurteilung ist für Schülerinnen und Schüler lernfördernd, für Lehrpersonen leistbar und für Eltern informativ» – ohne und mit Noten.

Quellen

Hattie, John; Beywl, Wolfgang; Zierer, Klaus (2017). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von “Visible Learning for Teachers”. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

 

Titelbild: Sandro Fiscalini, Dozent an der PHBern

Der Beitrag gibt die Sicht der Autorin bzw. des Autors wieder.
Regina Kuratle ist Leiterin des Zentrums für Weiterbildung und Weiterbildungsdidaktik am Institut für Weiterbildung und Dienstleistungen der Pädagogischen Hochschule PHBern.

4 Antworten

  1. Dank und Glückwunsch zu Ihrem wohltuend ideologiefreien Beitrag zur Noten-Thematik.

    Nur weiter so!
    Freundliche Grüsse
    Gerhard Steiner

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  1. Dank und Glückwunsch zu Ihrem wohltuend ideologiefreien Beitrag zur Noten-Thematik.

    Nur weiter so!
    Freundliche Grüsse
    Gerhard Steiner

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