Wie Schulleitungen KI pädagogisch wertvoll einsetzen können
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Eine Lehrperson lässt sich von einer KI differenzierte Aufgaben vorschlagen. Eine andere nutzt sie, um Rückmeldungen zu Texten vorzubereiten. Gleichzeitig versucht die Schulleitung zu klären, welche Anwendungen aus Sicht des Datenschutzes eingesetzt werden dürfen. Alle drei Situationen haben mit künstlicher Intelligenz zu tun. Sie stellen die Beteiligten jedoch vor sehr unterschiedliche Fragen.
Wer mit der Entwicklung Schritt halten möchte, muss deshalb nicht jedes neue Werkzeug beherrschen. Wichtiger ist eine fundierte Orientierung: Welches Problem soll die KI lösen? Welche Entscheidungen dürfen nicht an sie delegiert werden? Und welche Kompetenzen benötigen Lehrpersonen, Schulleitungen und Lernende für einen verantwortungsvollen Umgang?
1. Welches Problem soll die KI lösen?
Die Frage klingt selbstverständlich, wird im Alltag aber leicht übersprungen. Häufig beginnt die Auseinandersetzung mit einer Anwendung und nicht mit dem pädagogischen oder organisatorischen Anliegen. Aus der Frage Was kann dieses Werkzeug? wird dann vorschnell die Frage Wie können wir es einsetzen?
Sinnvoller ist die umgekehrte Reihenfolge. Zuerst sollte geklärt werden, welche konkrete Aufgabe verbessert werden soll. Geht es darum, Unterrichtsmaterialien effizienter vorzubereiten, Lernangebote stärker zu differenzieren, Rückmeldungen zu strukturieren oder administrative Abläufe zu vereinfachen?
Ein Beispiel: Eine KI kann innert Sekunden Aufgaben zu einem bestimmten Thema erstellen. Die Zeitersparnis allein sagt jedoch noch wenig über den pädagogischen Nutzen aus. Entscheidend ist, ob die Aufgaben zu den Lernzielen passen, fachlich korrekt sind, unterschiedliche Lernvoraussetzungen berücksichtigen und zu einer vertieften Auseinandersetzung anregen. Eine schnell erzeugte Aufgabe ist nicht automatisch eine gute Aufgabe.
Das gilt auch für das häufig genannte Potenzial der Individualisierung. Eine KI kann Texte vereinfachen, Beispiele ergänzen oder Aufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden formulieren. Ob diese Anpassungen für bestimmte Lernende geeignet sind, bleibt jedoch eine pädagogische Entscheidung. Dafür braucht es Kenntnisse über den Lernstand, die Lernziele und den jeweiligen Unterrichtskontext.
Vor dem Einsatz einer Anwendung helfen deshalb drei Prüffragen:
- Welches konkrete Problem soll gelöst werden?
- Woran lässt sich erkennen, ob die Anwendung tatsächlich einen Mehrwert schafft?
- Könnte das Ziel mit einer einfacheren oder pädagogisch besser geeigneten Lösung erreicht werden?
Nicht jedes Problem benötigt künstliche Intelligenz. Diese Feststellung ist keine Ablehnung der Technologie, sondern Ausdruck professioneller Urteilsfähigkeit.
2. Welche Entscheidungen dürfen nicht an die KI delegiert werden?
KI-Anwendungen können Vorschläge machen, Inhalte strukturieren und grosse Datenmengen verarbeiten. Sie tragen jedoch keine pädagogische Verantwortung. Diese bleibt bei den Menschen, die über ihren Einsatz entscheiden.
Besonders deutlich wird dies bei Rückmeldungen und Beurteilungen. Eine KI kann einen ersten Kommentar zu einem Schüler*innentext formulieren oder sprachliche Auffälligkeiten markieren. Sie kennt aber weder die gesamte Lernentwicklung noch die Beziehung zwischen Lehrperson und lernender Person. Auch kann sie nicht zuverlässig beurteilen, welche Rückmeldung in einer bestimmten Situation motivierend, verständlich und entwicklungsfördernd ist.
Die Nutzung von KI verändert deshalb nicht nur Arbeitsabläufe. Sie macht auch sichtbar, welche Tätigkeiten fachliches Urteil, Beziehungsgestaltung und menschliche Verantwortung erfordern. Lehrpersonen müssen entscheiden, welche Vorschläge übernommen, angepasst oder verworfen werden. Schulleitungen müssen klären, unter welchen Bedingungen Anwendungen eingesetzt werden können und wer für die Qualität der Ergebnisse verantwortlich bleibt.
Internationale Orientierungsrahmen verfolgen entsprechend einen menschenzentrierten Ansatz. Die UNESCO verbindet KI-Kompetenz unter anderem mit menschlicher Handlungsfähigkeit, ethischer Verantwortung, pädagogischem Wissen und beruflicher Weiterentwicklung (UNESCO, 2024). Der professionelle Umgang mit KI besteht demnach nicht darin, Entscheidungen möglichst vollständig zu automatisieren. Er besteht darin, Technologie dort einzusetzen, wo sie Menschen sinnvoll unterstützt, ohne deren Verantwortung zu ersetzen.
3. Welche Kompetenzen werden tatsächlich benötigt?
In öffentlichen Diskussionen wird KI-Kompetenz teilweise auf das Formulieren guter Eingaben reduziert. Die Fähigkeit, präzise Anweisungen zu geben, kann hilfreich sein. Sie reicht jedoch nicht aus.
Lehrpersonen und Schulleitungen benötigen ein grundlegendes Verständnis davon, wie KI-Anwendungen funktionieren und weshalb ihre Ergebnisse fehlerhaft, verzerrt oder frei erfunden sein können. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, KI-generierte Inhalte fachlich zu beurteilen, den Umgang mit Daten kritisch zu reflektieren sowie Auswirkungen auf Lernen, Chancengerechtigkeit und professionelle Verantwortung einzuschätzen. Der UNESCO-Kompetenzrahmen für Lehrpersonen betont deshalb, dass der professionelle Umgang mit KI technisches Verständnis, pädagogisches Urteilsvermögen, ethische Reflexion und verantwortungsbewusstes Handeln miteinander verbindet (UNESCO, 2024).
Diese Kompetenzen lassen sich auch im europäischen Kompetenzrahmen DigCompEdu verorten. Aus dessen Perspektive betrifft der Einsatz von KI mehrere Kompetenzbereiche gleichzeitig. Dazu gehören das professionelle Handeln von Lehrpersonen, die Gestaltung digital unterstützter Lehr- und Lernprozesse, digitale Assessmentformen, die Unterstützung individueller Lernprozesse sowie die Förderung der digitalen Kompetenzen der Lernenden (Redecker, 2017) .
Für Lehrpersonen zeigt sich dies insbesondere in der pädagogischen Gestaltung des Unterrichts. Sie müssen beurteilen, wann KI Lernprozesse unterstützt und wann sie wichtige Denkprozesse abkürzt oder verhindert. Auch die Gestaltung von Aufgaben und Leistungsnachweisen verändert sich. Eine Aufgabe, die von einer KI ohne fachliche Auseinandersetzung gelöst werden kann, prüft möglicherweise nicht mehr das, was ursprünglich beabsichtigt war.
Lernende wiederum benötigen mehr als Bedienwissen. Sie sollten nachvollziehen können, wie KI-gestützte Ergebnisse entstehen, wie deren Qualität geprüft wird und welche Interessen, Daten und Annahmen in solche Systeme einfliessen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, begründet zu entscheiden, wann der Einsatz von KI angemessen ist und wann auf ihn verzichtet werden sollte.
Das Dagstuhl-Dreieck (Brinda et al., 2016) bietet dafür eine hilfreiche bildungstheoretische Orientierung. Es unterscheidet drei miteinander verbundene Perspektiven:
- die Anwendungsperspektive mit der Frage, wie digitale Systeme zielgerichtet genutzt werden können,
- die technologische Perspektive mit der Frage, wie diese Systeme funktionieren,
- die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive mit der Frage, wie sie Menschen, Institutionen und Gesellschaft verändern.
Auf KI übertragen bedeutet dies: Es genügt weder, Anwendungen bedienen zu können, noch ausschliesslich über Risiken zu sprechen. Erforderlich ist die Verbindung von praktischem Handeln, technischem Verständnis und kritischer Reflexion.
Die zuvor beschriebenen Kompetenzrahmen verdeutlichen damit übereinstimmend, dass KI nicht als zusätzliche Einzelkompetenz verstanden werden sollte. Vielmehr verändert sie die Art und Weise, wie bestehende professionelle Kompetenzen im schulischen Alltag angewendet werden.
Von einzelnen Versuchen zu einer gemeinsamen Orientierung
In vielen Schulen beginnt die Auseinandersetzung mit KI durch das Engagement einzelner Lehrpersonen. Solche Erprobungen sind wertvoll, weil sie Erfahrungen ermöglichen und konkrete Fragen sichtbar machen. Auf Dauer genügt es jedoch nicht, wenn jede Person eigene Regeln und Vorgehensweisen entwickelt.
Spätestens wenn KI für Unterrichtsvorbereitung, Kommunikation, Beurteilung oder administrative Prozesse genutzt wird, braucht es eine gemeinsame Verständigung. Dabei geht es nicht zwingend um ein umfangreiches Konzept. Ein sinnvoller Anfang kann darin bestehen, bestehende Erfahrungen zusammenzutragen und gemeinsam einige grundlegende Fragen zu klären:
- Für welche Aufgaben wird KI bereits eingesetzt?
- Welche Chancen und Schwierigkeiten zeigen sich?
- Welche Daten dürfen in eine Anwendung eingegeben werden?
- Wie wird der Einsatz gegenüber Lernenden und Eltern transparent gemacht?
- Wer prüft die fachliche und pädagogische Qualität der Ergebnisse?
- Welche gemeinsamen Grundsätze sollen für Unterricht und Beurteilung gelten?
Gemeinsame Orientierung soll Erprobung nicht verhindern. Sie schafft vielmehr einen Rahmen, in dem Erfahrungen ausgewertet, Unsicherheiten angesprochen und Entscheidungen nachvollziehbar getroffen werden können.
Dabei unterscheiden sich die Ausgangslagen der Schulen erheblich. Eine kleine Primarschule steht vor anderen Fragen als ein grosses Berufsbildungszentrum. Auch Alter der Lernenden, technische Infrastruktur, kantonale Vorgaben und vorhandene Kompetenzen beeinflussen die Entscheidungen. Allgemeingültige Rezepte greifen deshalb zu kurz.
Was Weiterbildung leisten kann
Weiterbildung ist besonders dann hilfreich, wenn sie nicht lediglich die Bedienung eines bestimmten Werkzeugs vermittelt. Anwendungen verändern sich schnell und einzelne Funktionen können nach kurzer Zeit bereits wieder überholt sein. Dauerhafter sind Kompetenzen, die es ermöglichen, neue Entwicklungen selbstständig einzuordnen.
Dazu gehören Gelegenheiten, Anwendungen praktisch zu erproben, ihre Ergebnisse kritisch zu untersuchen und die gewonnenen Erfahrungen mit anderen Fachpersonen zu reflektieren. Ebenso wichtig sind fachliche Grundlagen zu Pädagogik, Technologie, Datenschutz, Ethik und Schulführung.
Die Weiterbildungsangebote der PHBern greifen diese unterschiedlichen Perspektiven auf. Sie richten sich an Lehrpersonen, Schulleitungen und weitere schulische Fachpersonen, die künstliche Intelligenz nicht nur anwenden, sondern deren Einsatz fachlich begründet und verantwortungsvoll gestalten möchten.
Mit KI Schritt halten heisst urteilsfähig zu bleiben
Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird sich nicht verlangsamen. Schulen können dieser Dynamik nicht begegnen, indem sie jeder neuen Anwendung folgen. Sie können jedoch ihre Fähigkeit stärken, relevante Entwicklungen zu erkennen, Erfahrungen systematisch auszuwerten und begründete Entscheidungen zu treffen.
Mit KI Schritt zu halten, bedeutet deshalb nicht, jederzeit das neueste Werkzeug zu kennen. Es bedeutet, die richtigen Fragen stellen zu können und die pädagogische Verantwortung auch unter veränderten technologischen Bedingungen wahrzunehmen.
Vertiefung zum Thema künstliche Intelligenz
Die PHBern bietet Lehrpersonen, Schulleitungen und weitere schulische Fachpersonen ein vielfältiges Weiterbildungsangebot, um sich fundiert mit künstlicher Intelligenz im schulischen Umfeld auseinanderzusetzen. Die Formate bieten praxisnahe Einblicke, ermöglichen fachliche Vertiefungen und unterstützen bei der Entwicklung einer sicheren Haltung im Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Literatur
Brinda, T., Diethelm, I., Gemulla, R., Romeike, R., Schöning, J., & Schulte, C. (2016). Dagstuhl-Erklärung: Bildung in der digitalen vernetzten Welt. Gesellschaft für Informatik.
European Commission, Joint Research Centre. (2017). European framework for the digital competence of educators: DigCompEdu. Publications Office of the European Union.
Redecker, C. (2017). European framework for the digital competence of educators: DigCompEdu (Y. Punie, Ed.). Publications Office of the European Union.
UNESCO. (2024). AI competency framework for teachers.